Die Geschichte ist in alter Rechtschreibung geschrieben, weil sie aus einer Zeit stammt, in der das noch "richtig" war. Sie wurde bislang nirgends veröffentlicht.

 

Die Zigarrenkiste

Es stürmte und regnete. Der November näherte sich. Die Eiche vor meinem Fenster hatte fast alle Blätter abgeworfen. Erst wurde die grüngezackte Pracht des Sommers gelb, dann braun und nun hingen an den kahlen Ästen nur noch dicke Wassertropfen und vereinzelte schrumplig-traurige Gestalten, die vermutlich der nächste Herbstwind davon scheuchen würde.

Vor mir auf dem Schreibtisch stand eine Zigarrenkiste aus Holz. Sie war nicht so alt wie die Eiche, aber Staubkörnchen aus allen Tagen dieses Jahrhunderts hatten, verbunden mit Spinnenweben, graufasrige Spuren auf ihr hinterlassen. Die Kiste war schmutzig. Nicht nur der Staub hatte sie überzogen, in ihr müssen auch Mäuse genistet haben. Nun waren die Nager tot. Zurück blieben braune Mäuseköttel, ein paar Photos, und eine Menge Postkarten und Briefe in deutscher Schrift. Die Menschen, von denen diese Dokumente eines fernen Lebens zeugten, lebten nicht mehr.

Vorsichtig und mit spitzen Fingern nahm ich eines der alten Blätter aus der Kiste. Es war eine Postkarte, mit Bleistift beschrieben, bräunlich, streng nach Mottenpulver riechend und leicht angenagt. Ich konnte die wacklige Schrift zunächst nicht entziffern, doch je länger ich auf die spitzen Buchstaben starrte, um so deutlicher trat zwischen Höhen und Tiefen der Linienführung ein Inhalt hervor. Nach einer halben Stunde konnte ich alles lesen:

 

5. Juni 1918

Liebe Frau und Kinder

Ich hoffe, daß Euch diese Karte bei der besten Gesundheit antreffen tut, welches bei mir bis soweit auch noch der Fall ist. 2 Pakete, 1 mit Kuchen u. 1 mit Saft habe ich vor einigen Tagen erhalten. Herzlichen Dank dafür. Ich glaube, daß ich es Dir auch schon Mal geschrieben habe, weiß es aber nicht bestimmt.

Nun will ich für diesmal schließen. Besten Gruß an die Nachbarn. Auf Wiedersehen. Dein Mann Wilh. Möller1

 

Bis zu diesem Zeitpunkt wußte ich nichts über den Verfasser des Briefes, außer daß er mein Urgroßvater war. Woher kam die Postkarte? Wann genau lebte Wilhelm Möller? Wann starb er? Wie sah er aus? Welcher der Männer auf den Photos in der Kiste, die alle ein rotes Kreuz auf ihrer Uniformjacke trugen, war er? Was hatte er im Krieg getan? Fühlte ich mich irgendwie verbunden mit ihm? Habe ich etwas von ihm geerbt? Mir fiel ein, daß es irgendwo ein Hochzeitsbild von Wilhelm und Luise gegeben hatte. Ich suchte im ganzen Haus danach und fand es schließlich auf dem Dachboden in einem Karton, der ebenso eingestaubt war wie die Holzkiste. Ich schaute mir das Bild an. Ein Erbstück aus alten Zeiten. Die Großmutter meines Vaters und ihr Mann. Beide hatte ich nicht mehr kennengelernt und auch das Haus, in dem sie gelebt hatten, gab es nicht mehr. Für Jahre hatte ich nicht an sie gedacht. Irgendwann früher hatte mein Vater mir von der Frau erzählt, Luise, seiner Großmutter, bei der er aufgewachsen war. Er schilderte sie als gütige, ruhige, alte Bäuerin, die den Enkel sehr geliebt hatte. Damals war ich nicht besonders interessiert an Familiengeschichten. Nach Wilhelm hatte ich nie gefragt und niemand erzählte etwas über ihn. Zu lange war er tot. Selbst meine Großmutter Martha, inzwischen selbst beinahe so alt wie dieses Jahrhundert, konnte sich an ihren Vater kaum erinnern.

Auf dem Photo vom Speicher erblickte ich eine liebevoll strahlende Frau, ganz in weiß gekleidet, mit braunen, den Kopf umwallenden, weichen Haaren, jung schien sie mir, jünger als ich heute, groß. Ein Mann, nicht viel älter, ernst, mit tief und schwarz in den Höhlen liegenden Augen. Düster. Im Glasrahmen ein zerfallender Myrtenkranz. Blüten und Blätter, einst sorgsam gebunden und liebevoll aufbewahrt, vertrocknet. Pflanzenmumie. Fast hundert Jahre alt. Glück sollte der Kranz bringen, eine Ehe fürs Leben geschlossen werden. Die große Liebe? Es gab keine Scheidungen in dieser Zeit, jedenfalls nicht in ländlichen Kreisen. Man hatte nur einmal die Wahl. Vielleicht. Wenn nicht die Eltern, die Verwandten bestimmten. Die Entscheidung war eine Entscheidung für immer. Bis daß der Tod die Paare schied. In der gleichen Kiste, in der ich das Hochzeitsbild fand, ein anderes: Ein Bild von Wilhelm in Uniform, drumherum eine schwarze Binde. Darunter: Er starb den Heldentod fürs Vaterland. Der Tod trennte sie früh. Auf der Rückseite des Photokartons ein Kreuz und ein Datum: Juni 1918. Der Monat, in dem die Karte geschrieben worden war. Die Geschichte zog mich magisch an. Was war im Leben dieser Menschen passiert? Wie hatten sie gelebt? Ich wollte versuchen, die beiden kennenzulernen, Luise und Wilhelm. Meine Familie riet mir ab. 'Laß' doch die alten Sachen in Ruh. Gut, daß es vorbei ist. Das waren schlimme Zeiten. Davon, daß du jetzt wieder in den alten Briefen herumgräbst, wird doch nichts besser.' Die Kiste wieder auf den Dachboden zu stellen, war unmöglich. Die Briefe drängten sich mir auf. Unheilvolle Bilder schlichen sich in meine Träume. Wer waren diese Menschen?

Nachdem ich das Hochzeitsphoto lange betrachtet hatte, konnte ich Wilhelm auch auf den anderen Bildern erkennen, zwischen den übrigen Soldaten. Immer stand er etwas abseits, mit gesenktem Kopf, sein Blick war traurig, auch wenn die anderen um ihn zu scherzen schienen. Er stand genau so, wie mein Vater steht, wenn er sich unbeobachtet im Garten glaubt, wenn er sich nicht reckt und streckt und den aufrechten Mann spielt.

Ich kannte die Kaiserzeit in erster Linie aus Geschichtsbüchern. Außerdem hatte ich an der Uni eine Hausarbeit über die Friedensbemühungen der SPD im ersten Weltkrieg geschrieben und hunderte Seiten Protokolle von Reichstagsdebatten gelesen. Es ging um Kriegszieldiskussionen. Soldaten, die eigentlich Bauern waren, kamen in den Texten nirgends vor. Im Seminar lernte ich bei einem bärtigen Professor etwas über die Kriegsbegeisterung der deutschen Bevölkerung bei Ausbruch des Weltkriegs 1914. Bilder von hysterisch jubelnden Studenten in Berlin zogen durch meinen Kopf. War es wirklich so? Und waren die Gefühle bei allen gleich? Ich mußte diese Briefe lesen. Jetzt. Tagelang vergrub ich mich in meinem Zimmer. Ich ordnete und sortierte, ich erstellte eine Chronologie, Briefe vor der Hochzeit, Briefe nach der Hochzeit. Alle Briefe nach der Hochzeit waren Feldpostbriefe. Ich befragte meinen Vater nach seinen Erinnerungen. Er hatte ein paar Jahre zusammen mit seiner Großmutter in einem alten, baufälligen Bauernhaus gelebt. In dem riesigen niedersächsischem Hallenhaus lebten Tiere und Menschen unter einem Dach. Es gab eine Küche mit einer einzigen Feuerstelle zum Heizen und Kochen, eine gute Stube für den Besuch, eine Schlafkammer für das Ehepaar, in dem später auch die Kinder schlafen mußten. Zu den Wohnräumen gelangte man über eine breite Diele, links waren die Kühe und rechts die Schweine untergebracht. Die Tiere wärmten das Haus. In das Plumpsklohäuschen konnten die Schweine ihre Schnauze stecken. Es muß herb gerochen haben im Haus. Nichts für feine Nasen. Aber für das junge Paar war das Haus ein verwirklichter Traum. Kurz vor der Hochzeit hatten sie es gemeinsam gekauft. Lange davor waren sie einander versprochen. Sie stammten aus demselben Dorf, beide waren Kinder von Bauern. Luises älterer Bruder hatte Wilhelms ältere Schwester geheiratet, Wilhelm und Luise hatten sich auf Familienfesten näher kennengelernt und sie waren sicher, daß sie füreinander bestimmt waren. Die Briefe aus der Verlobungszeit sind freundlich, liebevoll, neckend. Eigentlich wollten sie ein glückliches Leben in ihrem eigenen Haus verbringen. Endlich befreit von Eltern und Großgrundbesitzern. Selbstbestimmt. Nach Jahren der Abhängigkeit von der 'Herrschaft', bei der Luise lange Jahre 'in Dienst' gewesen war. Die Gutsbesitzer wurden trotz allem geehrt. Sie schrieben Gratulationskarten zur Hochzeit. 'Unserem lieben Lieschen die herzlichsten Glückwünsche', 'so ein gutes Mädchen werden wir schwerlich wieder finden.' Man achtete die Ordnung. Nichts wurde jemals in Frage gestellt. In meiner Familie gab es keine Revolutionäre, keine Widerstandskämpfer. Niemals. Was geschah, geschah. Gott muß es gewollt haben, sonst wäre es nicht möglich gewesen. Gott. Gott über allem. Darunter der Kaiser. Dann die Herren. Dann die Männer. Schließlich die Frauen und zuletzt die Kinder.

Das Haus also, 1910 gekauft. Vier glückliche Jahre darin. Vielleicht. Zwei Kinder, eine Tochter, ein Sohn. Martha, die Dienende und Wilhelm, benannt nach dem Kaiser, wie schon der Vater. Beide gesund. Gott sei Dank. Und viel Arbeit. So stellte ich es mir vor, während ich eher abwesend auf die Bilder blickte. Der Maurermeister tags unterwegs zu den Baustellen. Keine Autos, keine Maschinen. Mit dem Fahrrad fuhr er hin. Bei jedem Wetter, immer über die Moorwege, vorbei an Kuhweiden und Getreidefeldern. Maurer verdienten ganz gut. Und sie konnten das Haus selbst renovieren. Wenn noch Zeit dazu blieb neben der Arbeit auf dem Hof. Die Versorgung von Kühen, Schweinen und Hühnern, sowie Teile der Feldarbeit wurden von der Frau besorgt. In erster Linie. Der Mann pflügte den Acker. Im Frühling, im Herbst. Die Frau kümmerte sich um das Vieh, das Haus, den Mann, die Kinder. Es gab keine Waschmaschine, keinen Staubsauger, keine Mikrowelle, nicht mal einen elektrischen Herd, keine Zentralheizung. Eine Herdstelle, die zugleich Heizung war. Einen warmen Raum im Haus. Waschtage. Schlachttage. Einkochtage. Pökeltage. Feiertage. Luise sorgte und versorgte, von morgens bis abends. Dann fiel sie erschöpft ins Bett. Da wurden die Kinder gezeugt. Drei in fünf Jahren. Geschenke Gottes. Wohl der, der sie gegeben wurden. 1914 der Krieg. Plötzlich und unerwartet. Aus heiterem Himmel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Sommer war heiß und trocken. Die Kinder spielten in der Sonne, als der Einberufungsbefehl kam.

An der Uni lernte ich etwas über Kriegszieldiskussionen, Imperialismus und Kriegsursachen, die man von Anlässen unterscheiden müsse. Im Historischen Atlas konnte ich nachschauen, wie die Front verlief, im Geschichtsbuch nachlesen, wer wann welche Verluste hatte. Wollte ich etwas über den Alltag im Krieg wissen, so blieb mir nichts als Remarque. Remarque kam aus der Gegend um Osnabrück, wie Wilhelm.

Geschichte wird zu einer anderen, wenn sie sich zu Geschichten verästelt. Millionen von Leben, von Geschichten. Die meisten unerzählt. Verscharrt die Körper, verloren die Briefe, vergessen die Menschen. Winzige Bruchteile von Statistiken der Einzelne. Würden die Menschen sich ändern, wenn Geschichte anders geschrieben würde? Wenn nicht die Kaiser, sondern die Bauern interessierten? Wir werden es nicht wissen, vermutlich.

Diese Geschichte kann erzählt werden, die Geschichte von Luise und Wilhelm im Krieg und vom schrecklichen Ende, das eine große Liebe nahm. Daß alles schlecht ausgehen würde, war mir gleich klar. Ich wußte, schon bevor ich das Bild mit der Trauerbinde gefunden hatte, daß Wilhelm im Krieg 'gefallen' war. Was ich nicht wußte: Die Karte, die erste, die ich fand, hat er an seinem letzten Tag geschrieben, bevor er

 

bei Dives, westlich von Noyon durch Einschlag einer Granate am fünften Juni des Jahres tausend neunhundert und achtzehn nachmittags um elfeinhalb Uhr verschüttet und getötet worden sei,

 

wie eine amtliche Stelle bescheinigte. Oder anders ausgedrückt von einem Kameraden, Landwehr, der aus Wilhelms Dorf stammte:

 

Er ist am 5.6. durch einen Volltreffer im Unterstand gestorben, mit ihm noch 5 Kameraden, die auch den Tod gefunden haben. Er ist begraben in dem Dorfe Dives.Ich nehme an eurem Leiden täglich teil, denn es war mir, als ich das erfuhr, als wenn ich selber sterben müßte und konnte weder essen noch trinken. Aber was soll man machen, es sind noch lange nicht die letzten, die gefallen sind fürs Vaterland. Er hat somit einen guten Tod gehabt und ist nicht dahintergekommen.

 

Landwehr hat den Krieg überlebt, ist zurück gekommen. Wilhelm nicht. Schicksal, Fügung, Wille Gottes? Ob er wirklich 'nicht dahintergekommen' ist? Was mögen seine letzten Gedanken gewesen sein, wenn er noch welche hatte? Seine Frau, die Kinder? Die Kameraden? Unmöglich zu wissen. Mit ihm begraben in Dives. Und vorher? Soviel Hoffnung, soviel verborgene Furcht. Schmutzige Karten, zittrig mit Bleistift beschrieben. Manchmal mit lila Buntstift. Seltener Briefe. Kein Einzelschicksal. Nicht mal in dieser Familie. Brüder und Schwager von ihm fielen auch. An anderen Stellen, zu anderen Zeiten, die meisten 1918, als der Krieg für Deutschland längst verloren war. Als man sich zum Aufgeben nur noch nicht entschließen konnte. Menschenopfer? Egal. Heldentode. In der Tradition der Nibelungen. Und genauso sinnlos. Germanischer Wunsch nach Walhalla? Je mehr tote Krieger, um so größer die Schlacht im Jenseits? Um so großartiger? Aber dies waren keine germanischen Krieger. Maurer und Bauern waren sie, angetreten, um Häuser zu bauen und Acker zu bestellen. Ernährer, nicht Soldaten. Und keiner hat sie gefragt, ob sie mitspielen wollten im großen Welttheater, als Bauernopfer, als Menschenmaterial. Desertion bedeutete den sicheren Tod. Soldat sein hieß: Vielleicht wiederkommen. Und niemanden im Stich lassen. Vor allem nicht: Das Land, in dem Frau und Kinder lebten.

Wilhelm war Krankenträger. Ich erkannte es, als ich die ersten Briefe von 1914 las und die dazugehörigen Bilder aus Lazaretten betrachtete. Vermutlich hat er niemanden umgebracht. Aber wenn er zu etwas anderem bestimmt worden wäre, hätte er sich auch dieser Aufgabe gestellt. Er hätte auf die anderen geschossen, wie sie auf ihn geschossen haben. Und dabei sah er die anderen nicht mal als Feinde.

Der Reihe nach. 1914 wurde Wilhelm, der Ersatzreservist eingezogen. Im späten Sommer. Mitten in der Erntezeit. Nicht mal einen Monat nach Ausbruch des Krieges. Ein Mann, dreißig Jahre alt, in dessen Lebensplanung ein Krieg nicht vorgesehen war. Klagen aber war verboten. Jedenfalls in den Briefen. Und auch sonst unterließ man es besser, schließlich wollte man niemandem Sorgen bereiten. Der erste Brief aus Lingen. Dort, im Emsland, nicht weit von zu Hause, erfüllte Wilhelm seine Dienstpflicht in einem Lazarett.

 

Lingen 26.8.14

Liebe Frau

Habe Deinen Brief heute erhalten und gesehen, daß Du meinen letzten Brief nicht erhalten hast, den habe ich am 20. hier abgeschickt. Du schreibst, daß Ihr den Sonnabend ein schweres Gewitter gehabt habt und daß Seys abgebrannt sind. Das ist sehr traurig. Und nun will ich Dir schreiben, wie wir es hier haben. Bis jetzt noch sehr gut. Verwundete haben wir bis jetzt noch nicht. Das Lazarett ist noch nicht fertig, es werden hier 5 Lazarette gebaut. Die sind jetzt bald fertig. Wir sind hier jetzt mit 6 Mann / 2 Unteroffiziere und 4 Mann. Es heißt, daß die nächsten Tage noch mehr kommen. In Deinem 2. letzten Brief schreibst Du, daß Du Deine Schweine noch hast. Ich glaube, wenn Du sie brauchen kannst, so verkaufe sie man bald, denn viel Nutzen wirst Du doch beim Weiterfüttern nicht mehr haben. Wenn Du sie verkaufst, so sieh Dich vor, daß Du gleich Dein Geld dafür bekommst. Das ist jetzt besser, denn man weiß gar nicht, wie es jetzt alles kommt. Dann sag man, Du müßtest das Geld notwendig gebrauchen. Du schreibst wegen dem Ausweis, den will ich hier jetzt mit hineinlegen, gestempelt ist er. Da mußt Du dann mit zum Bürgermeister gehen. Damals sagte der Bürgermeister zu mir, man müßte auch eine Heiratsurkunde vorzeigen. Die haben wir ja im Familienstandbuch, die wird ja erst genügen. Falls nicht, so mußt Du Dich in Dielingen eine ausschreiben lassen. Und nun möchte ich mal wissen, ob mein Zeug und Schuhe auch übergekommen sind. Ich habe es in Osnabrück schon aufgegeben. Hast Du von Sartim für das andere Schwein Dein Geld aufgeholt? Mußt mir das nächste mal man alles schreiben. Und nun muß ich schließen. Grüße Bockhorst und die Nachbarn von mir.

 

Das Leben ging weiter. Der Krieg eine Dienstreise, die hoffentlich bald vorbei sein würde. Zu Hause blieb die Frau und versorgte den Hof. Plötzlich allein und für alles verantwortlich. Sie schrieb Briefe so oft sie konnte. Ihre Briefe sind verloren. Aus seinen kann man einiges rekonstruieren. Die Frau fragte, was sie tun sollte. Der Mann gab die Anweisungen. Jetzt eben nicht mehr morgens beim Frühstück, sondern schriftlich. Der Mann war nun nicht mehr Maurer, sondern Krankenträger. Was der Krieg letztlich bedeuten würde, wußte niemand. Die Briefe von Wilhelm wirken unbeholfen. Man war es nicht gewohnt, sein Leben zu beschreiben. Es blieb einem nichts anderes übrig in diesen Zeiten.

 

30.10.14

Liebe Frau

Habe Deinen Brief erhalten und wünsche daß es Dir noch gut geht. Wir haben immer noch viel Arbeit. Wenn man einige Verwundete los wird, dauert es ein paar Tage, dann sind neue wieder da. Vorgestern ist wieder einer gestorben. Hoffentlich dauert der Krieg nicht allzulange. Euch grüßt Wilhelm Möller

 

Von 1914 sind nur wenige Briefe erhalten. Lingen war nicht weit von Osnabrück entfernt und es war dort nicht gefährlich für Wilhelm. Trotzdem war er, vielleicht früher als andere, mit den Folgen des Krieges konfrontiert. Er sah Menschen leiden und sterben. Junge Männer, die teils unbekümmert, teils nichts Gutes ahnend in einen Krieg gezogen waren, für Ziele, die sie nicht kannten. Verkrüppelt, lädiert, verstört. Wie konnte man leben mit dem Erlebnis "Krieg"? Durch äußerste Verdrängung? Durch ablenkende Arbeit? Ich weiß es nicht und ich hoffe, ich muß es nie erfahren.

Seit ich begonnen hatte, die Briefe zu transkribieren, hatte ich Alpträume. Ich träumte von zerfetzten Menschenleibern, von Menschenmassen in grauen Uniformen, von Frauen in Kuhställen, allein, mit nörgelnden Kindern am Schürzenzipfel, in jeder Minute voller Angst um ihre Männer. Ausgeliefert. Voll unterdrückten Zorns, auf die Feinde, durch die dieser Krieg vermeintlich angezettelt worden war, heimlicher auch auf den Kaiser, der sich um eine friedliche Lösung nicht besonders bemüht hatte. Ich wäre wahnsinnig geworden vor Wut. Sie haben gebetet, jeden Morgen, jeden Abend, zusammen mit den Kindern, und Gott für jeden Tag und jede Nacht gedankt, die sie überlebt hatten. Wie nur konnten sie sich so in alles fügen?

 

30.4.1915

Liebe Frau.

Will Dir mitteilen daß ich hier gut angekommen bin und noch gut zufrieden bin. Gestern haben wir Verwundete bekommen. Nun gibt es wieder mehr Arbeit, dann geht die Zeit auch wieder besser hin. Schreib mir bald wieder, wie es Dich und die Kleinen geht. Mit freundlichem Gruß. Wilhelm

 

Die Zahl der Verwundeten wurde von Monat zu Monat größer. Trotzdem diese Gelassenheit. Verwundete pflegen, eine Arbeit wie Schweine ausmisten? Verwundete wohlgemerkt, die nicht unglücklicherweise verletzt wurden, sondern die Opfer eines von Menschen verursachten Krieges waren. Arbeit als Allheilmittel. Wer arbeitet, denkt nicht so viel. Man ist zufrieden. Was heißt 'zufrieden'?

Von 1915 bis 1917 finden sich keine schriftlichen Dokumente in der Zigarrenkiste. Vielleicht wurden die Briefe in einer anderen aufbewahrt, die verschwunden ist, oder Wilhelm war zwischendurch oft zu Hause. Der letzte Sohn wurde 1915 geboren, Siegfried. War der Name des Jungen Ausdruck für die Hoffnung auf einen 'Siegfrieden'? Der Sohn wurde nach dem Abitur Offizier in der Wehrmacht und überlebte den zweiten Weltkrieg. Hat er andere getötet? Ich werde es nie erfahren. Unwahrscheinlich ist es nicht. Als ich ihn kennenlernte, war er ein freundlicher alter Herr mit einer großen Familie.

Die meisten Briefe wurden im Winter 1917/18 geschrieben. Während ich sie in den Computer tippte, stellten sich mir zunehmend mehr Fragen, auf die ich keine Antworten finden würde. Ich begann, eine Beziehung zu Wilhelm zu entwickeln. An seiner Schrift konnte ich erkennen, ob er Angst hatte, ob er in Eile war, oder ob er sich gerade vom ärgsten Schlachten erholen durfte.

Draußen regnete es immer weiter und die Eiche hatte beinahe keine Blätter mehr. Ich war -verstört? Ergriffen? Traurig? Wilhelm hätte ein anderes Leben verdient. Ich konnte ihn mir vorstellen, den Mann mit dem Schnurrbart zwischen all den Verletzten, der immer nur wehmütig an Frau und Kinder dachte. Er war älter als viele, die mit ihm in den Krieg gezogen waren und er hatte die Verantwortung für eine Familie. Sicher war es für ihn anders, als für junge Studenten oder Offiziere, in deren Familien es nie andere Themen als den Krieg gegeben hatte, die auf die Möglichkeit warteten, Deutschland zu der Großmacht empor zu kämpfen, die wild waren auf eiserne Kreuze und Orden. Das Grauen des tatsächlichen Krieges war für alle das Gleiche. Außer für die Planer. Die Außenminister. Die Präsidenten. Die Staatsoberhäupter. Die saßen an grünen oder braunen Tischen und spielten- Risiko? Schicksal? Die neuen Weberinnen, die plötzlich Männer waren? Und so gingen sie auch um mit den Fäden, die eigentlich ein prächtiges Lebensgewebe hätten ergeben sollen.

 

Geschrieben 21.4.17

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, hoffentlich geht es Euch auch noch gut! Deine Karte vom 15. habe ich heute erhalten. Liebe Frau diese Photographie ist vor einigen Tagen gemacht. Wir sind da bei einem Landweg am arbeiten, die hier viel gebaut werden müssen. Denn Steinstraßen wie in Deutschland kennt man im schönen Rußland auch wenig. Mußt mir mal schreiben ob die Kinder den Pappa auch noch kennen. Nun will ich schließen. Auf baldiges Wiedersehen. D. Mann Wilhelm

 

Immer weniger Urlaubserlaubnisse wurden erteilt. Die Frauen lernten, allein zurecht zu kommen, ohne Familienoberhaupt. Sie trafen die Entscheidungen und erledigten jede Arbeit. Die Männer versuchten, die Gefahr, in der sie permanent schwebten, zu verschweigen. Wie schrieb man Briefe, die alle eine Zensur passieren mußten? Kriegsbriefe wie Urlaubskarten. Grüße aus dem schönen Rußland? Soldaten aus aller Welt in einem Boot. Und unglücklicherweise mußten sie es selbst versenken.

 

Geschrieben den 5. Juni 1917

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Das Paket N 13 habe ich erhalten für welches ich vielmals danke. Das Haus, welches auf der Photografie steht, ist augenblicklich unser Quartier. Ich bin noch auf meinem alten Platz. Die Witterung ist hier jetzt auch warm und sehr trocken. Nun will ich schließen. Auf baldiges Wiedersehen, Dein Mann Wilh. Möller

 

Das Photo von dem hier die Rede ist, zeigt ein schönes Strohdachhaus. Romantisch dachte ich, ein Ferienhaus. Aber die Reise, um die es ging, war kein Urlaub, es war eine Tour mit dem Tod, ein Balancieren am Abgrund. Jeder Brief konnte der Letzte sein und das wußten Luise und Wilhelm. Trotzdem versuchte Wilhelm, seine Frau aufzumuntern, ihr Hoffnung zu machen. Bis zuletzt. Bis er nicht mehr schreiben konnte. Bis er allein starb. Fern von Frau und Kindern. In einem Land, in das er sonst wohl nie gekommen wäre.

 

25. Dez. 1917

Liebe Frau und Kinder

Ich hoffe, daß dieser Brief Euch bei bester Gesundheit antreffen tut. Mir geht es bis soweit auch noch gut. Heute ist nun das liebe Weihnachtsfest, nun schon das 4 te, das wir getrennt verleben müssen. Man wird wenig mehr von Weihnachten gewahr. Außer Geschenke ist nicht sehr viel gewesen, aber man muß zufrieden sein. Es ist ja auch nun fast nichts mehr zu kriegen. Wie ist das Weihnachtsfest denn bei Euch ausgefallen? Das Christkind hat gewiß auch nicht sehr viel gebracht. Aber wollen hoffen, daß auf diese schlechten Tage noch wieder gute kommen. Die Kinder werden sich zu Weihnachten doch noch gefreut haben. Hier ist in letzter Zeit schon ziemlich strenges Winterwetter. Wie ist es bei Euch, friert es da auch schon hart? Wir sind noch immer auf der alten Stelle, haben bis jetzt noch Glück, daß wir noch nicht wieder in Stellung sind. Die beiden Pakete N. 30 und 31 habe ich vorgestern erhalten, für welche ich herzlich danke. Du schreibst ob Landwehr und Schmidt von Bassum auch noch bei uns sind. Die sind alle noch hier und auch Otto von Dasler ist noch bei uns. Fritz Linke habe ich, seit er vom Urlaub zurück ist und mir die beiden Pakete brachte, noch nicht wieder getroffen, der ist beim 1 ten Luft. und da konnt man selten mit zusammen. Von Deinem Bruder Hermann habe ich vor einigen Tagen auch einen Brief noch erhalten, er schreibt, daß Dein Bruder Heinrich jetzt im Gefangenenlager sei und daß jetzt seine Frau wieder zu Hause sei. Hermann schreibt, daß sie Dich Weihnachten besuchen wollen, dann wird er Dir gewiß viel erzählen. Wie hast Du es denn mit dem Holz, ich habe Dich schon mal danach gefragt, aber den Brief wirst Du noch nicht erhalten haben. Es scheint, daß die Post überhaupt langsam nicht alles überbringt. Wie geht es denn Hausfelds Witwe und die anderen Nachbarn, hoffentlich auch alle noch gut. Grüße sie bitte alle von mir. Wie hast Du es denn mit Deinem Heu und Stroh, wird gewiß auch alles sehr knapp. Liebe Frau, Du schreibst wegen Leinen und Wollgarne, wo wir hier liegen ist auch nichts zu haben. Geld brauchst Du mir nicht zu schicken, das habe ich wohl genug. In Nige da hätte ich wohl Wollgarn und Leinen kriegen können. Wollgarn kriegst Du das Pfund 3 M und Leinen sonst gewöhnlich 4 M. Aber ich meinte, das wär weit zu teuer, ich dachte das müßte in Deutschland billiger zu haben sein und nun ist im Geschäft überhaupt nichts mehr zu kriegen. Man weiß nicht, wie das noch werden will. Wenn der Krieg erst bald zu Ende geht und ich glaube nicht, daß der Frieden schon sehr schnell kommt. Aber wollen das beste hoffen. Nun will ich schließen. Sende Dir die besten Neujahres-Wünsche, auf baldiges Wiedersehen, D. Mann Wilh.

 

Die Abfolge der Briefe wurde dichter. Immer häufiger beschwor man den Frieden und ein baldiges, gesundes, frohes Wiedersehen. Gegenwelten zur Kriegswirklichkeit. Unerträgliche Sehnsucht. Festgenagelt im Gefecht. Niemand konnte mehr selbst irgendetwas entscheiden. Es gab keinen Urlaub. Und doch: Keine Rebellion. Nichts als verdeckte Trauer.

 

6. Jan.1918

Liebe Frau und Kinder

Kann Euch mitteilen, daß ich noch gut zufrieden bin, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Wir sind hier soweit noch auf unserem alten Platz, ist hier augenblicklich immer noch starker Winter. Deinen lieben Brief vom 2 ten habe heute ich erhalten. Ein Paket N. 2 habe ich gestern schon erhalten, für welches ich vielmals danke. Die Kinder hat Christkind ja wohl, wie Martha schreibt, noch allerlei zu Weihnachten gebracht, wie ist es denn mit der Mamma, die hat wohl nichts gekriegt. Die hat Christkindlein wohl vergessen. Hoffentlich bekommt sie nächstes Jahr Weihnachten so viel mehr. Von Bockhorst aus Posen habe ich heute auch einen Brief erhalten. Sie waren noch gut zufrieden. Onkel hätte sich sehr über unsere Kinder gefreut. Willi hätte ihn schon von unserem Hause abgeholt und hätte ihn noch wieder erkannt. Martha wäre schon ein sehr vernünftiges Mädchen geworden und Siegfried sei ein großes Ungetüm.

Dein Bruder August hat mir vor einigen Tagen auch geschrieben, er sei noch gut zufrieden, er hoffe, daß jetzt Friede käme. Man hofft von Tag zu Tag, daß das Völkermorden sein Ende nehmen soll, aber wie es jetzt scheint, wird das wohl noch nichts werden. Die Hoffnung, daß man nächsten Frühjahr wieder zu Luise und Kinder käme, wird wohl wieder nicht in Erfüllung gehen, aber das muß sich alles helfen, wenn man nur gesund wieder zurück kommt. Wollen das Beste hoffen. Nun will ich schließen. Auf Wiedersehen, D. Mann Wilh.

 

Es wurden nicht nur mehr Briefe verschickt, sondern sie wurden auch länger. Eine Briefkultur entwickelte sich. Mindestens alle drei bis vier Tage gelangte ein Schreiben nach Hause. Jeder Brief hieß auch: Der Mann lebt noch. Die Frau ist gesund. Die Nachbarn leben und die Geschwister. Wenn man Glück hatte. Jedenfalls, als der Brief abgeschickt wurde. Die Kinder wuchsen heran und man konnte sie nicht sehen. Aber man konnte von ihnen hören. Und vielleicht würden sie bald selbst schreiben können. Fernbeziehung. Ungewollt. Die Soldaten wurden mit Paketen versorgt. Wer keine Verwandten hatte, war arm dran. Den Bauern ging es vielleicht besser als den anderen, sie hatten wenigstens Lebensmittel.

 

26. Jan. 1918

Liebe Frau und Kinder

Kann Dir mitteilen, daß ich noch gut zufrieden bin, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deinen lieben Brief vom 19. und ein Paket No. 4 habe ich gestern erhalten, sage herzlichen Dank dafür. Wie Du schreibst, ist es sehr nass bei Euch, das ist hier auch der Fall. Seit einigen Tagen ist das Wetter aber schön. Ist schon richtig Frühlingswetter: Die Stellung wo wir jetzt sind, ist es bis soweit noch ziemlich ruhig. Hoffentlich bleibt es so. Du schreibst wegen Strümpfen und Fußlappen, Strümpfe, die habe ich noch, da kann ich mir noch mit helfen. Ich habe 2 Paar und wenn es nasse Wärme gibt, dann trage ich doch bloß Fußlappen. 1 Paar Fußlappen kannst Du mir ruhig mal schicken, die kannst Du aber ruhig aus altem Zeug, was sonst nicht mehr zu gebrauchen ist, machen. Nun liebe Frau gratuliere ich Dich nochmal zu Deinem 35 ten Geburtstag und wünsche Dir, daß Du ihn gesund und munter verleben kannst. Nun will ich schließen. Auf Wiedersehen, Dein Mann Wilh.

 

Weihnachten, Geburtstage, Feiertage, immer getrennt. Schon seit fünf Jahren. Gratulationen, die besten Wünsche. Sehnsucht nach Nähe. Nach Berührung. Ich las diese Briefe und stellte mir vor, wie Luise zu Hause saß und unbedingt etwas für Wilhelm tun wollte. Pakete schicken, Lebensmittel, warme Kleidung. Krank war sie vor Sorge. Sie sah die wunden Füße des Mannes vor sich, die Beine, die sie gestreichelt hatte, den Körper, an dem sie sich hatte wärmen können, damals, in kalten Nächten, im Schlafzimmer ohne Heizung, vor dem Krieg. Nun war sie allein. Jede Nacht und jeden Tag. Die Kinder krochen in ihr Bett. Wenigstens die waren ihr geblieben. Aber oft mußte sie die Kleinen zu Verwandten geben, weil soviel zu tun war, daß keine Zeit blieb, um auf die Jungen aufzupassen. Das Mädchen war größer, früh vernünftig. Ein Kriegskind, das seiner Mutter half, wo es konnte. Martha mit großer Schleife im Haar und riesigen Augen. Ein Familienbild von 1919. Viele Väter sind tot. Auch Marthas. Die Frauen in schwarz. Versteinert. Erstarrtes Leben.

 

14. Feb. 1918

Liebe Frau

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deinen lieben Brief vom 10 ten habe ich gestern erhalten. Du schriebst, daß die Kuh ein Stierkenkalb gekriegt hat und hättest wohl Lust es umzusetzen. Liebe Frau, das will ich Dir ganz überlassen wie Du das machen tust. Wenn Du bloß Dich nicht zu viel Arbeit aufladen tust. Wenn man wüßte, daß bald Friede wäre, dann wäre es vielleicht ganz gut, wenn Du es ansetzen tust. Aber das der Krieg dieses Frühjahr noch enden tut, glaube ich nicht. Aber verkaufen kannst Du das Kalb ja auch immer noch. Wenn Du aber jetzt meinst, daß Du es lieber verkaufen willst, habe ich auch nichts dagegen. Wenn man beisammen wäre, könnte man sich das alles besser überlegen. Wenn Du mit dem Gelde nicht auskommst, so hole dies ruhig von der Sparkasse. Nimm es aber aus meinem Buch. Da sollst Du Dich mit umbehelfen. Du schreibst, daß Du auf Bockhorst Moor Torf graben könntest. Wenn Hasemanns Vetter Dir den geben will dann tu das man. Auf eine Art und Weise kriegst Du ihn dann auch wohl nach Hause. Meine Eltern schreiben, daß Bruder Fritz jetzt auf Urlaub wär, ich würde auch gern mal wieder auf Urlaub fahren, aber das wird wohl noch eine Zeitlang dauern. Wie es heißt, tritt am 27. 2. wieder eine längere Urlaubssperre ein. Da wird der Urlaub sich erst wohl noch wieder in weite Ferne verschieben. Man denkt mit Sorgen, was die kommenden Wochen bringen werden. Aber wollen das Beste hoffen. Wenn wir nur alle gesund bleiben, dann wollen wir das Pflichtteil alles geduldig tragen. Wir sind noch in vorderster Stellung, ist bis jetzt noch ziemlich ruhig. Liebe Frau, jetzt wo Ihr wieder etwas Milch habt und die Hühner in nächster Zeit auch noch wieder etwas Eier legen, jetzt verbrauche für Dich und für die Kinder aber so viel Ihr mögt und denk' nicht, daß Du das alles zu Gelde machen mußt, damit Ihr wenigstens gesund bleibt. Nun will ich schließen. Hoffentlich sehen wir uns gesund wieder. Grüße auch Hausfeld und die anderen Nachbarn von mir. Auf Wiedersehen. Dein Mann Wilhelm

 

Was blieb, war die Familie, die Nachbarn. Man half sich, so gut man konnte. Überall waren die Frauen allein. Der Winter war kalt. Ständig husteten die Kinder. Eisblumen wucherten an den Fensterscheiben. Luise mußte dringend heizen, Torf bot sich als Brennstoff an in der moorigen Gegend. Es war schwer, ihn zu transportieren, Luise hatte kein Pferd, keinen Wagen. Die meisten Pferde waren eingezogen worden, es blieben nur Ochsengespanne übrig, oder Menschen, die selbst mühsam das Notwendigste auf Handwagen zogen. Härter konnte das Leben kaum sein.

Während ich die Briefe las, sah ich endlose Reihen grauer Gestalten über das Land ziehen, jede führte ihren eigenen Kampf. Die einen versuchten, den Grabenkrieg zu überleben, die anderen die notwendigen Mittel zum Überleben zu ergattern. Deutschland, Schattenland. Und zwischen den Lebenden spukten die Toten.

 

Geschrieben den 23. Febr. 1918

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deinen lieben Brief habe ich erhalten. Wie Du schriebst, haben Fritz und Minna Dich besucht. Fritz wird den Krieg gewiß auch müde sein. Wir sind noch in vorderster Stellung. Wie es heißt, werden wir in 4 Tagen abgelöst, haben dann auch schon 4 Wochen tief unter der Erde gelebt. Am 20. Febr. habe ich den schlimmsten Tag gehabt, den ich in meinem Leben durchgemacht habe. 12 Stunden haben wir im starken Artilleriefeuer gelegen und dann hat man uns auch noch mit Handgranaten beschossen. Es sieht hier aus, als wenn ein großes Erdbeben gewesen ist. Die Eichbäume sind abgeschlagen als wenn es Streichhölzer wären. Jetzt ist es nun wieder ruhig. Hoffentlich fängt es die nächsten Tage nicht wieder an, wollen das Beste hoffen. Pakete habe ich diese Tage auch erhalten, 2 von Nachbarn und 1 von Haldem. Wie Minna von Haldem schreibt, hat sie es abgeschickt. Das andere wird die Tage wohl noch kommen. Liebe Frau, nun will ich schließen. Grüße auch bitte die Nachbarn von mir. Dein Mann Wilhelm

 

Überlebt. Wieder mal eine Katastrophe hinter sich gebracht. Schlimmer als alles, was vorher war. Und der Krieg währte schon lange. Eingegraben, beschossen. Ich schaute auf die Eichen vor dem Fenster. Zersplittert wie Streichhölzer. So mächtige Bäume. Wie sollten zerbrechliche Menschenleiber diese Angriffe überstehen? Und wie erst die Seelen? Was mag Luise gedacht haben, als sie diesen Brief bekam? Gott sei Dank, er lebt noch? Was würde ich denken? Würde ich überhaupt noch denken? Mich in Verzweiflung vergraben? Vor Angst gekrümmt im Bett liegen? In den Stall flüchten und die Kühe melken? Ich weiß es nicht. Unmöglich, es mir vorzustellen. Ich lebe in einer anderen Zeit. Mit anderen Gefahren. Sie sind weniger greifbar.

 

Geschrieben d. 23. März 1918

Liebe Frau und Kinder

Ich hoffe, daß Euch dieser Brief bei der besten Gesundheit antreffen tut, welches bei mir auch noch der Fall ist. Deinen lieben Brief vom 17. März und das Paket N. 11 habe ich gestern erhalten und sage herzlichen Dank dafür. Wie Du schreibst, bist Du schon angefangen zu ackern. Hier ist auch wunderschönes Wetter, die Blumen fangen hier schon schnell an zu blühen. Wir sind noch in Stellung. Im Allgemeinen ist es noch ziemlich ruhig. Die Kanonen sind allerdings Tag und Nacht am Donnern. Hoffentlich wird das Artilleriefeuer nicht noch stärker. In Nordfrankreich hat ja, wie es heißt, die Offensive begonnen, hoffentlich bleiben wir davon verschont. Von Nachbarn habe ich gestern auch einen Brief erhalten und 2 Pakete. Jetzt kann ich wieder tüchtig essen. Wie meine Eltern schreiben, müßte Dein Bruder Ludwig sich auch stellen. Hoffentlich hat er noch wieder Glück gehabt, daß er noch wieder zurückgekommen ist. Sonst ist es für Deine Mutter diesen Sommer auch man schlecht. Liebe Frau, wie Du schreibst, hast Du ein Stück auf der Koppel umpflügen lassen, hättest Du das diesen Sommer liegen lassen, es muß ja notwendig um, aber wie willst Du die Arbeit alle fertig kriegen? Die Arbeit ist für Dich zu schwer, daß Du das umgraben kannst. Arbeite nicht mehr als Du gut machen kannst, damit die Kinder wenigstens die Mutter gesund erhalten bleibt, falls ich nicht wieder zurück kommen sollte. Aber wollen hoffen, daß Gott mich wieder beschützt, daß Du Deinen Mann und die Kinder auch Ihren Vater zurück erhalten. Meine Schwester Elise war ja, wie mir meine Eltern schreiben, etwas besser, wie geht es Deiner Schwester Mimmi? Hoffentlich auch besser, ich wollte sie immer schon schreiben, aber man hat gar keine Lust zum Schreiben. Zeit hat man genug dazu. Nun will ich schließen. Sende Dir und die Kinder die besten Osterwünsche. Auf ein frohes Wiedersehen. Dein Dich liebender Mann Wilhelm.

Schreib bitte bald wieder, wie es Dich und die Kinder geht. Besten Gruß an Hausfelds und die anderen Nachbarn.

 

Das konnte ich gut verstehen. Unter den Umständen hätte ich auch keine Lust mehr gehabt, Briefe zu schreiben. Blühende Blumen, der Landwirt betrachtet die Natur und versucht, Kraft aus ihr zu schöpfen. Und Hoffnung zu vermitteln. In Frankreich herrschte schon Frühlingswetter, während Luise zu Hause wahrscheinlich noch in feuchter Kälte saß. Immerfort wartend auf Post, Pakete schickend, die Kinder, das Vieh, das Haus versorgend. Ab und an kommen Briefe auch von der übrigen Familie. Niemandem geht es besser, niemand ist vom Krieg verschont geblieben. Ein Bruder von Luise ist schon gefallen. Zwei Geschwister von Wilhelm wird es noch treffen. Zurück bleiben Frauen und Kinder. Und eine Schwermut, die nie mehr weichen wird.

 

13. Mai 1918

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deine beiden Briefe habe ich erhalten, sage besten Dank. Wie Du schreibst, hast Du ein Gesind eingestellt, das freut mich, wollte es Dir auch schon schreiben. Ob es viel helfen tut, ist ja noch fraglich, aber zum Nachteil kann es auch nicht sein. Mit dem Urlaub das ist so eine Sache. Wie es heißt, ist der Urlaub noch immer gesperrt. Nach dem Transport wo Landwehr mitgefahren ist, sind noch keine wieder gefahren und man hört auch noch nichts davon, daß in nächster Zeit welche wieder wegkommen. Daß ich zur Heuernte noch nach Euch komme, glaube ich noch kaum. Und es wird auch schon wieder gemunkelt, als wenn wir hier wieder wegkommen sollen. Wir sind noch in Stellung, werden am 22. abgelöst, wenns nicht schon eher anderswo hingeht. Aber es ist schon so oft davon geredet, daß wir hier weg kämen. Wollen hoffen, daß wir hier noch bleiben, denn hier ist es doch besser, als wenn wir nach Nordfrankreich hin kämen. Mein Bruder Fritz ist auch nicht so weit von hier, aber daß wir uns besuchen können, ist es doch noch zu weit. Wir sind ungefähr noch 20 Kilometer auseinander. Martha hat in dem 1 Jahr schon tüchtig gelernt, sie kann dem Pappa ja schon bald einen Brief schreiben. Wenn unser an die Kinder denkt, dann wird ihm das Herz immer schwer. Hoffentlich dauert es jetzt nicht mehr allzulange, daß wir uns wiedersehen. Das Paket No.14 ist noch nicht da, ich denke aber, die nächsten Tage wird es noch kommen. Wie hast Du es denn mit dem Futter für die Kühe, kommst Du damit aus oder ist es auch wieder knapp und wie ist es mit Gras, wächst das gut oder ist es noch nicht besonders? Nun will ich schließen. Wünsche Euch ein fröhliches Pfingsten. Auf frohes Wiedersehen

Dein Mann Wilhelm

 

Ich sah, wie Wilhelms Tod näherrückte. Er konnte es nicht wissen. Oder hat er es geahnt? Kann man seinen Tod voraussehen? Verdrängt man die Möglichkeit? Klammert man sich an die Hoffnung von 'frohem Wiedersehen'? Immer denkt er an seine Landwirtschaft, an die schwere Arbeit, die Luise nun schon so lange ganz allein erledigen muß. Er selbst ist den Befehlen der Oberen völlig ausgeliefert. Niemand erklärt den Soldaten, was als nächstes geplant ist. Sie liegen im Schlamm und werden verschoben wie Figuren auf einem Schachbrett. Ohnmächtig. Als ich diesen Brief las, überfiel mich ein Gefühl der Lähmung, der Verzweiflung. Nicht zum Aushalten. Und doch hatte Wilhelm keine andere Möglichkeit. Außer Desertion und die bedeutete nach wie vor den Tod.

Ich verstehe dieses Spiel nicht, das man Krieg nennt und von dem männliche Kommilitonen an der Uni begeistert waren. Panzer, Waffen, Gefechte. Strategien. Schlachten. Ich sehe nur Blut, höre Schreie, denke an Leben, die geopfert werden für Ideen, für Machtkämpfe, für nichts von Belang. Immer wieder. Die Zeiten sind nicht vorbei. Das ist das Furchtbare. Wir sind unfähig zu lernen. Wir sind unfähig, friedlich zu sein. Kosovo. Tschetschenien. Operative Eingriffe. Machtpoker. Dazwischen zerfetzte Körper. Erschlagen von Trümmern, erschossen von Maschinengewehren, in tausend Teile zerrissen von Granaten. Das Morden ist nicht zu stoppen. Vernunft? Wo bist du? Oder gibt es dich nicht?

Die letzten Briefe. Wilhelm hat noch zwei Wochen zu leben. Zwei Wochen im Mai in Frankreich, zwischen blühenden Blumen. Im Kanonendonner. Im Schlamm. In Gräben. Wartet in Unterständen darauf, Verwundete aus der Schlacht zu ziehen, sie notdürftig zu versorgen oder ihnen beim Sterben zuzusehen. Kein Wort darüber. Kein Wort von Bauchschüssen und Gedärmen, von zerfetzten Menschen. 'Gut zufrieden' bis zum Tod. Woher kommt diese Duldsamkeit?

 

24. Mai 1918

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Sind jetzt auf einer anderen Stellung. Die Pfingsttage sind wir auf Posten gewesen. Sind jetzt gleich wieder in Stellung gekommen Hier ist es nicht so gut als wo wir sonst waren. Sind jetzt in der Gegend wo Dein Bruder Fritz sonst war. Liebe Frau, schicke in nächster Zeit man nicht so viele Pakete ab, denn die werden jetzt doch nicht schnell überkommen. Solltest Du in nächster Zeit nicht pünktlich Post bekommen, so mach Dir keine Sorgen, denn man hat wahrscheinlich keine Zeit mehr. Nun will ich schließen. Auf Wiedersehen. D. Mann Wilh. Bitte grüße die Nachbarn.

 

Telegrammstil. Ich sah Wilhelm im Graben liegen, im Unterstand, umdonnert von Kanonenschüssen, umgeben von Leichen, Geruch nach Tod und Verwesung, nach Schlamm, Waffen und Angst. Deutschland gibt alles, um den Krieg doch noch zu gewinnen. Es will opfern. Und wenn es schon nicht siegen kann, dann soll wenigstens bis zum letzten Mann gekämpft worden sein. Siegfrieden oder Untergang für alle. Es kam immer anders. Den Preis haben die Menschen gezahlt. Auf allen Seiten.

 

27. Mai 1918

Liebe Frau und Kinder

Bin noch gut zufrieden, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deine Karte vom 22 ten habe ich erhalten. Herzlichen Dank dafür. Landwehr ist gestern hier auch wieder angekommen. Er hätte die letzten Tage noch nach Dich hinwollen, hätte aber, da die Kinder krank gewesen wären, nicht die Zeit kriegen können. Daß er mir kein Paket mitgebracht hat, ist ganz gut, denn ich habe gestern noch 3 Pakete bekommen. 2 von meinen Eltern und 1 von Haldem. Schick in nächster Zeit überhaupt man lieber Du keine Pakete ab. Wir sind jetzt in Nordfrankreich in Stellung. Die Gegend ist hier böse verwüstet wo wir hier sind, die Dörfer findet man kein Haus was mehr ganz ist. Gott möge geben, daß diese Menschenvernichtung doch bald ein Ende nehmen möge. Nun will ich schließen. Auf Wiedersehen. D. Mann Wilh.

 

Wilhelm wurde deutlicher. Die Situation spitzte sich zu. Ganz offensichtlich. Er rechnete mit seinem Tod. 'Schick keine Pakete mehr'. Das einzige, was Luise noch für ihn tun konnte. Wenigstens satt sollte er sein. War es möglich zu essen, mitten in diesem Sterben? Was alles können Menschen ertragen?

Inzwischen konnte ich die Schrift problemlos entziffern, Wilhelm war mir vertraut geworden. Ich litt mit ihm, obwohl sein Leid lange vorbei war.

Noch zwei Karten lagen auf dem Stapel. Mit der Letzten hatte ich begonnen, vor ein paar Wochen. Mittlerweile schien wieder die Sonne. Der November war freundlich und es näherte sich der Volkstrauertag. Ich würde an Wilhelm denken. Von nun an immer. Und an all die anderen. Wie Schafe zur Schlachtbank geführt. Geopfert, weil niemand sich eine Blöße geben wollte. Nicht kriegswütig. Keine Helden. Männer, die leben wollten und es nicht durften.

 

3. Juni 1918

Liebe Frau und Kinder

Kann Euch mitteilen, daß ich noch gut zufrieden bin, welches hoffentlich bei Euch auch noch der Fall ist. Deinen lieben Brief vom 24.5 habe ich erhalten. Wie Du schreibst, hast Du 2 Pakete abgeschickt. Liebe Frau schick in nächster Zeit nicht so viel Pakete ab. Nun will ich schließen. Wir sind noch in Stellung in Nordfrankreich, welches Du auch schon wissen tust. Auf Wiedersehen. D. Mann Wilhelm

 

Der Rest? Ein Grab in Frankreich, vielleicht. Eine untröstliche Frau, ein Hof, viel zu groß, um von ihr allein bewirtschaftet zu werden, eine Rente, die gerade zum Überleben reichte, drei Kinder, die irgendwie nebenbei aufwachsen mußten, ein altes Haus, das langsam ebenso in sich zusammenfiel, wie seine Bewohnerin. Endlose Trauer. Eine Katastrophe, die sich zwanzig Jahre später wiederholen sollte. Auch Marthas Mann starb im Krieg, 45, als schon alles verloren war. Wieder drei Kinder ohne Vater, wieder ein Hof ohne Bauern. Ein Jahrhundert des Schreckens, schuldlos, schuldig? Was bleibt, sind Alpträume.

Die Zigarrenkiste steht nun wieder auf dem Dachboden. Die Eiche vor dem Haus hat gestern ihr letztes Blatt verloren und Schnee beginnt, die Landschaft unter sich zu begraben.

 

1 Alle Zitate stammen aus Originalbriefen. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind der heute üblichen angeglichen, grammatikalische Eigenheiten sind beibehalten worden. In den ursprünglichen Briefen existiert nahezu keine Interpunktion. Teilweise wurden die Briefe ohne Kennzeichnung gekürzt. Die in diesem Text verwendeten Dokumente sind ein von der Verfasserin ausgewählter Teil einer umfangreicheren Hinterlassenschaft aus der Zeit zwischen 1900 und 1945.